Empfehlungen zur individuellen Früherkennungsuntersuchung und Prävention

 

Die in den USA verbreiteten CT-/MRT-Ganzkörper-Screenings werden zurzeit heftig diskutiert. So stellt sich beispielsweise die Frage, ob unklare oder falsch positive Befunde zu höheren Folgekosten und Belastungen führen. Leider hinken evidenzbasierte, gesundheitsökonomisch fundierte Studien dem medizinisch-technischen Fortschritt hinterher. Mit den Verfahren zur radiologischen Früherkennung wird ein hohes Maß an Spezifizität und Sensibilität erreicht. Dadurch können Invasionen bzw. Operationen vermieden und Therapien optimiert und so Lebensqualität und -dauer verbessert werden. Die mit den Untersuchungsverfahren verbundenen Risiken, z. B. die Strahlenbelastung bei einer CT, stehen häufig in einem sehr günstigen Verhältnis zu diesen Vorteilen. Reine Vorsorge wird von den Kassen aber selten erstattet; die Kosten von 250 bis 1000 Euro (PET-CT bis ca. 1300 Euro) müssen privat abgerechnet bzw. bezahlt werden. Zur Vermeidung etwaiger Fehlwirkungen haben sich die Praxen des Qualitätsverbundes Radiologienetz Deutschland für gemeinsame Präventionsprinzipien entschieden: evidenzbasierte Indikationsstellung, systematische Zweitmeinung, interdisziplinäre Zusammenarbeit mit zuweisenden Ärzten und Krankenhäusern, effizientes Check-up-Management mit Coaching/Scouting bei Befund und Einsatz modernster Technik.
Dies entspricht den „Anforderungen an die Rechtfertigung individueller Früherkennungsuntersuchungen mit ionisierender Strahlung“, die in der 208. Sitzung der Strahlenschutzkommission am 11./12. Juli 2006 verabschiedet wurden. Individuelle Früherkennungsuntersuchungen sind demnach nur nach Überprüfung der sie rechtfertigenden Indikation durch den Radiologen zulässig. Hingegen sind Früherkennungsmaßnahmen oder sog. Screenings im Wellness-Bereich nach Röntgenverordnung und Strahlenschutzverordnung unzulässig.

Für die Indikationsstellung einer individuellen Früherkennungsuntersuchung sind gemäß den Empfehlungen der Strahlenschutzkommission folgende Voraussetzungen notwendig:

  1. Anamneseerhebung, ggf. körperliche Untersuchung.
  2. Feststellung eines individuellen Risikoprofils auf Leitlinienbasis.
  3. Ausführliche Aufklärung und Beratung auf der Basis von Leitlinien wissenschaftlicher Fachgesellschaften (Nutzen, Risiken, unerwünschte Nebenwirkungen, Strahlenhygiene).
  4. Schwere und Verlauf der vermuteten Erkrankung sowie Möglichkeit der validen Diagnostik und Therapie.
  5. Höchste Qualitätsanforderungen zur Durchführung der Untersuchung und Befundung sowie Planung weiterer Maßnahmen.
  6. Umfassende Dokumentation der Maßnahmen.
  7. Begleitende Evaluierung der Untersuchung.

Davon nicht betroffen sind sog. Reihenuntersuchungen im deutschsprachigen Raum und ein Screening als solches, was einer behördlich organisierten Reihenuntersuchung mit Einladungsverfahren entspricht. Sie bedarf der Zulassung der Landesbehörde und unterscheidet sich somit von individuellen Früherkennungsuntersuchungen. Wir weisen Sie nachfolgend exemplarisch auf einige dieser modernen Methoden hin – bitte sprechen Sie uns an; wir beraten Sie gerne!

Nicht-invasive Gefäßdarstellung (Angiographie) mit CT/MRT
Eine Darstellung der Gefäße am ganzen Körper ist mittels konventionellem Röntgen nicht möglich. Die alternative DSA (Digitale Subtraktionsangiographie) ist invasiv, also unangenehm, erfordert längere Untersuchungszeiten und ist auch strahlenbelastend. Im Gegensatz dazu kann mithilfe von CT und MRT unter Gabe von Kontrastmitteln innerhalb von zehn Minuten eine vollständige Gefäßdarstellung vorgenommen werden, die weniger invasiv ist und die Strahlenbelastung im Falle einer MRT ganz vermeidet. So können Verschlüsse, Erweiterungen und Aussackungen von Gefäßen frühzeitig, sicher und bequem diagnostiziert werden.

Nicht-invasive Herzdarstellung (Kardio-CT/MRT)
Zur Diagnostik des Herzens wird noch immer zum Herzkatheterlabor (Linksherzkathetermessplatz mit DSA) gegriffen. In vielen diagnostischen Fällen ist die Multislice-CT oder die 1,5-Tesla-MRT gut geeignet, um Infarktprävention zu betreiben und um Koronarangiographien bei Risikopatienten vorzunehmen. Des Weiteren dienen die Verfahren zur Bypasskontrolle, zur Kontrolle nach Ballondilatationen, zur nicht-metallischen Stentlegung und zur Klärung von Abgangsanomalien der Herzkranzgefäße.

Lungenkrebsfrüherkennungsuntersuchung mit Multislice-CT
Untersuchungen in Deutschland, Österreich und in den USA haben nachgewiesen, dass die Untersuchung mit einem Niedrigdosis-CT zur frühzeitigen Detektion von Bronchialkarzinomen, besonders bei Rauchern, führt. Während das konventionelle Röntgen Tumoren erst ab einer Größe von 1,5 cm erkennen lässt, offenbart die CT-Untersuchung bereits Rundherde von wenigen Millimetern Größe. Kleinere Tumore sind besser operabel und therapierbar sowie seltener metastasiert. Auch zur Erkennung von Lungenfibrose, Lungenentzündung, Lungenembolie, Lymphangiosen und Langerhans-Zell-Histiozytose ist die CT geeignet und kann in einigen Fällen die invasive, unangenehmere und länger dauernde Bronchoskopie vermeiden helfen.

Multislice-CT-Darmspiegelung
Als Alternative zur endoskopischen Darmspiegelung (invasiv, unangenehm, länger; Infektions- und Verletzungsgefahr; Gabe von Beruhigungsmitteln) stellt die virtuelle Koloskopie mittels Multislice-CT ein nicht-invasives, schnell durchführbares, hochselektives und weniger unangenehmes Verfahren zur Früherkennung von Dickdarmkrebs dar. Einer wissenschaftlichen Studie zufolge wird dabei eine Sensitivität von bis zu 90 % erreicht; Langzeit- und Multicenterstudien werden derzeit erstellt.

mpMRT der Prostata bei V. a. Prostata-Karzinom
Mit einer Sensitivität und Spezifität von bis zu 90 % stellt die mpMRT das genaueste Verfahren zur Erkennung der aggressiven Prostata-Karzinome (ab einer Größe von ca. 0,5 cm) dar. Ziel ist es, bekannte Diagnostikdefizite der systematischen Mehrfachbiopsie zur Detektion des Prostata-Karzinoms abzubauen und den biopsierenden Arzt mit Informationen zur Lokalisation der Indexläsion (des aggressivsten Tumorherdes) zu versorgen, damit er gezielt biopsieren kann.

Sonstige Früherkennung mit CT/MRT
Eine CT oder eine MRT bieten sich weiterhin zur früherkennenden Darstellung des Dünndarms, der Bauchspeicheldrüse, der Gallenwege, der Harnleiter, der Prostata und der Mamma an.

Mit diesen Verfahren zur radiologischen Früherkennung wird ein hohes Maß an Spezifität und Sensibilität erreicht. Dadurch können Operationen vermieden oder optimiert werden. Die Dauer einer Erkrankung kann reduziert werden; Krankenhausverweildauern und Fehltage am Arbeitsplatz reduzieren sich. Die Lebensqualität und die Lebensdauer Ihrer Patienten können damit verbessert werden. Die mit den Untersuchungsmethoden verbundenen Risiken (Strahlenbelastung, Untersuchungskosten) stehen in einem günstigen Verhältnis zu den genannten Vorteilen. Sprechen Sie Ihren Kollegen im Radiologienetz an; er wird Sie gerne auch kritisch beraten – einzelfallbezogen und allgemein.

Tumorfrüherkennung mit Positronen-Emissions-Tomographie (PET)
Viele Tumorentitäten haben primär einen hohen Zuckerstoffwechsel, benötigen also das gleiche Substrat, das bei der PET primär als Positronen-Emitter radioaktiv markiert wird. Somit ist die PET ein sehr sensitives Verfahren, um viele Tumoren bereits in einem Stadium detektieren zu können, in dem morphologisch noch keine Veränderung im Gewebe eingetreten ist, im CT/MRT mithin noch keine Veränderung sichtbar ist (z. B. Lymphknoten noch nicht vergrößert, aber schon metastasiert). Die PET-CT kann zur Sekundärprävention bei raumfordernden Läsionen im HNO- oder neurologischen Bereich, z. B. zur Rezidivdiagnostik, bei Gliomen, um die Vitalität von Resttumoren oder endokrin aktiven Tumoren im Bereich der Hypophyse oder der Sella turcica zu prüfen, eingesetzt werden. Die PET kann auch bei Schmerzen an der Prothese oder zum Nachweis einer Infektion als weiterführende Untersuchung durchgeführt werden.

Früherkennungsuntersuchungen bei Gedächtnisstörungen
Die PET-CT wird eingesetzt bei Demenz und Gedächtnisstörung oder bei erstmals auftretender Psychose, zur frühen Diagnostik der primären Demenz und zur Differenzialdiagnose demenzieller Erkrankungen, d. h. zur Abgrenzung der kognitiven Beeinträchtigung, auch als „Pseudodemenz“ bezeichnet sowie bei Depressionen. Das Verfahren sollte immer im Kontext mit der klinischen Diagnostik kombiniert eingesetzt werden. Ebenso findet die PET-CT bei (entzündlichen) neurodegenerativen Erkrankungen des Gehirns, wenn die MRT keinen schlüssigen Befund liefert, ihren Einsatz.

Lesen Sie mehr zu diesem Thema unter www.radiologie.de.

Angesichts aktueller Diskussionen sind aus Sicht der Strahlenschutzkommission derzeit abgestimmte Stellungnahmen der Fachgesellschaften zu folgenden Untersuchungen bei asymptomatischen Personen im Rahmen individueller Früherkennungsuntersuchungen erforderlich; dabei sind auch strahlenhygienische Aspekte zu berücksichtigen:

  • Ganzkörper-Bildgebung (Computertomographie, Magnetresonanztomographie, Positronen-Emissions-Tomographie),
  • CT- oder MR-Kolonographie („virtuelle Koloskopie“),
  • Niedrigdosis-CT der Lunge bei Rauchern, CT-Koronarkalkmessung,
  • Röntgenmammographie bei Frauen außerhalb des zugelassenen Screening-Programms.

Aus Sicht der Strahlenschutzkommission kann die Durchführung von Früherkennungsmaßnahmen nur unter Berücksichtigung der o. g. Anforderungen und Voraussetzungen gerechtfertigt werden.